Erkenntnis

Erkenntnis

 

Ein Sufi saß auf der Erde und hatte eine Schar von Zuhörern um sich geschart. Diese baten ihn, aus seinem Leben zu erzählen und ihnen die wichtigsten Weisheiten zu offenbaren.

Der Sufi musterte die Fragesteller, dachte lange über ihr Anliegen nach und antwortete ihnen schließlich:

In meiner Jugend begehrte ich auf. Ich fühlte mich als Revolutionär. Wenn man jung ist, fühlt man sich stark und kräftig. Man hat viele Ideen und will diese umsetzen. Ich war schon damals ein sehr gläubiger Mensch, daher betete ich von Anfang an zu Gott. Ich formulierte nur ein einziges Gebet. Dieses lautete: Herr gibt mir Kraft, die Welt zu verändern. Ich weiß nicht, ob Gott mein Gebet gehört hat.

Als ich die Mitte meines Lebens erreicht hatte, waren meine hochfliegenden Pläne Vergangenheit. Ich stellte fest, dass mein Leben schon zur Hälfte abgelaufen war. Ich hatte in dieser Zeit keine Revolution angeführt. Ich befürchte, dass ich in dieser Zeit, nicht einmal eine einzige Seele gerettet hatte. Ich habe auch keine Regierung und keine Organisation auf dieser Welt verändert. So hat sich auch die Welt nicht verbessert. Konsequenterweise überlegte ich, ob ich nicht anders beten sollte. Ab dieser Zeit betete ich folgendermaßen: Herr hilf mir, dass ich die Menschen, denen ich begegne verändern kann. Gib mir deine Kraft und deinen Segen, wenn ich mit meinen Freunden und mit meiner Familie spreche. Wenn es mir gelingt, diese Menschen zu verändern, dann will ich zufrieden sein.

Nun, da ihr mich fragt nach den Erkenntnissen meines Lebens, muss ich sagen, dass ich nun ein alter Mann bin. Mein Leben neigt sich seinem Ende zu. Meine Tage sind gezählt. Und ich muss feststellen, dass ich weder die Welt noch meine Freunde verändert habe. Nunmehr erkenne ich, wie töricht meine Gebete waren. Ich musste also mein Gebet wieder verändern. Ich wollte nun ein Gebet formulieren, das endlich Wirkung zeigt. Nun lautete mein Gebet folgendermaßen: Herr gibt mir die Kraft und die Gnade, mich selbst zu verändern. Denn nur, wenn ich mich verändere, kann ich auch die Welt verändern.

Euch will ich sagen: Wenn ich von Anfang an so gebetet hätte, wäre mein Leben nicht vertan gewesen. So aber ist es.

 

Erleuchtung

Erleuchtung

 

Es war damals üblich, dass Menschen, die in ihrem Leben eine bittere Enttäuschung erlebten in ein Kloster gingen, um dort mit sich ins Reine zu kommen.

Ein junger Mann litt an einer großen Enttäuschung. Er war des Lebens überdrüssig, war enttäuscht von seinem bisherigen Leben. Er stand vor der Entscheidung, ob er Selbstmord begehen sollte oder ob er die Erleuchtung findet. Aus diesem Grund begab er sich in ein Kloster, meldete sich dort beim Abt und erklärte ihm seine Situation. Der junge Mann war sich schon darüber im Klaren, dass es hauptsächlich an ihm selbst lag. Er hatte keine Ausdauer, um zu meditieren und nachzudenken. Er konnte nicht einmal ein Studium durchhalten. Er wurde immer wieder in das Weltliche gezogen, suchte dort den Genuss und die Zerstreuung. Obwohl es ihn selbst enttäuschte und er es als schmerzlich empfand, konnte er sich aus der Welt nicht befreien. So fragte er den Abt: „Gibt es für Leute wie mich nicht einen Weg, um auf schnelle Art und Weise zur Erleuchtung zu gelangen?“

Der Abt dachte darüber nach. Da er den jungen Mann sympathisch und ehrlich fand fragte er ihn, was ihn am Leben bisher am meisten beeindruckt, womit er sich am meisten beschäftigt habe.

Der junge Mann konnte die Frage nicht richtig beantworten, denn er hatte eigentlich für nichts Interesse aufgebracht. Da seine Familie sehr reich war, gab es keine Notwendigkeit, etwas zu lernen und später zu arbeiten. Dann sagte er aber noch: „Ich glaube das einzige; was mich in meinem Leben bisher interessiert hat, ist das Schachspielen. Damit habe ich relativ viel Zeit verbracht.“

Der Abt bat daraufhin seinen Assistenten einen bestimmten Mönch zu holen. Er solle auch Schachbrett und Figuren mitbringen. Nach einiger Zeit kam der Mönch mit dem Brett und der Abt stellte die Figuren auf.

Er ließ sich von seinem Assistenten sein Schwert bringen und zeigte dieses den beiden Männern. Er sprach ernsthaft zu den beiden: „Mönch, du hast mir, deinem Abt; Gehorsam gelobt als du in das Kloster eingetreten bist. Diesen Gehorsam fordere ich jetzt von dir. Du wirst mit diesem jungen Mann eine Partie Schach spielen. Aber wenn du verlierst, werde ich dir mit diesem Schwert den Kopf abschlagen. Du musst jedoch keine Angst haben, denn ich verspreche dir, dass du im Paradies erwachen wirst. Wenn du allerdings gewinnst, dann werde ich diesem Mann hier den Kopf abschlagen. Er hat sich bisher nur für das Schachspielen interessiert. Wenn er verliert, dann verdient er auch den Verlust seines Kopfes.“

Die beiden Kontrahenten sahen den Abt entsetzt an. Sie verstanden, dass es der Abt ernst meinte. Die Konsequenzen waren ihnen klar. Der Verlierer hatte keine Gnade zu erwarten. Und so begann das Spiel.

Bei den Eröffnungszügen spürte der junge Mann, wie Angst in seinem Herz hochkroch, wie sich Schweiß auf seiner Stirne bildete. Er spielte um sein Leben. Das Schachbrett war seine gesamte Welt und damit sein Schicksal. Deshalb konzentrierte er sich darauf, so stark wie er das noch nie gemacht hatte. Zuerst sah es aus, als wären die Züge des jungen Mannes verhalten, eher fehlerhaft. Er kam in die Defensive. Doch dann machte sein Gegner einen schweren Fehler und der junge Mann konnte seine Verteidigungslinie verstärken und den Angriff starten. Damit verschlechterte sich die Position des Mönchs und nach einiger Zeit konnte man unschwer erkennen, dass der Mönch verlieren wird. Der junge Mann war zuerst euphorisch, weil er seinen Sieg vor sich sah. Er sah den Mönch verstohlen an. Er blickte auf ein Gesicht, dem er Intelligenz und Aufrichtigkeit entnahm. Er bemerkte, dass sein Gegner ein wertvoller Mensch war. Ganz im Gegensatz dazu sein eigenes, eigentlich wertloses Leben, das er schon hatte wegwerfen wollen. Ihn bekam ein Gefühl des Verständnisses, des Bedauerns. Und so beging er absichtlich einen Fehler und noch einen. Diese Fehler verschlechterten seine Stellung, seine Verteidigung brach zusammen und sein Gegner hatte eigentlich freie Bahn für einen Sieg.

In diesem Augenblick stieß der Abt das Brett um und die Figuren fielen auf den Boden. Die beiden Schachspieler waren verstört, konnten sich diese Entwicklung nicht erklären, sahen den Abt fragend an. Der erklärte dann langsam: „Bei diesem Spiel gibt es keinen Gewinner und keinen Verlierer. Aus diesem Grund kann hier auch kein Kopf fallen. Im Leben sind zwei Dinge notwendig: völlige Konzentration und Mitgefühl. Beides gehört zusammen. Du hast heute beides gelernt. Zunächst warst du völlig auf das Spiel konzentriert. Aber du konntest dennoch Mitgefühl empfinden. Schließlich warst du sogar bereit, dein Leben zu opfern. Ich schlage dir vor, dass du einige Monate im Kloster bleibst und an unserer Ausbildung teilnimmst. Ich bin mir sicher, dass dir dann die Erleuchtung gewiss sein wird.“

Der junge Mann folgte dem Rat des Abts und er erlangte in der Tat die Erleuchtung

 

Befriedigung

Befriedigung

 

Zwei indische Kaufleute, die seit vielen Jahren gute Freunde waren, verbrachten auch ihre Freizeit häufig zusammen. Ihre Vorlieben waren auch sehr unterschiedlich. Die Geschichte berichtet darüber.

Es war ein Feiertag und die beiden Freunde wollten diesen Tag gemeinsam verbringen. Sie planten, sich an diesem Tag in einem Bordell zu vergnügen. Das war zwar teuer, aber ab und zu gönnten sie sich diese Abwechslung. So gingen sie in den frühen Morgenstunden durch die Straßen der Stadt, hielten sich an den Händen, wie dies in Indien unter Freunden durchaus üblich ist. Sie freuten sich auf das Vergnügen. Es war immer schön, wenn man verwöhnt wurde. An diesem Morgen begann das Leben in der Stadt sich erst langsam zu regen und es dauerte eine ganze Weile bis sie in das Viertel kamen, in dem sich die Bordelle befanden. Unterwegs bemerkten sie eine Menschenansammlung. Sie waren neugierig und wollten wissen, was hier geschah. Sie stellten fest, dass im Schatten eines mächtigen Baumes ein heiliger Meister saß, der den Menschen das Leben erklärte. Er zitierte aus den heiligen Schriften, interpretierte sie und gab den Zuhörern Ratschläge für ihr Leben. Der eine der beiden Freunde war von diesem Heiligen fasziniert, hockte sich nieder zu den anderen Zuhörern und beschloss hier zu bleiben. Er wollte auf den Bordellbesuch verzichten und lieber die Erkenntnisse des heiligen Mannes erfahren.

Der andere ging weiter, erreichte nach kurzer Zeit das Bordell. Er fand dort eine sehr hübsche und junge Hure, die sich liebevoll um ihn kümmerte.

Es ist nun interessant, wie sich der Tag entwickelte. Der Mann, der im Bordell eingekehrt war ließ sich verwöhnen. Das junge Mädchen war sehr geschickt und vermittelte ihm einen großen Genuss. Trotzdem war er nicht so recht bei der Sache. Er musste immer wieder an seinen Freund denken, der nun dem Heiligen zuhörte und sicherlich gute Ratschläge für sein Leben bekam. Er selbst hatte sich entschieden für ein nicht eben gottgefälliges Vergnügen. Sein Freund, der dem Meister zuhörte, konnte sich aber auch nicht konzentrieren. Er dachte immer an seinen Freund, der jetzt wohl einen großen Genuss habe. Er malte sich in glühenden Farben aus, was der andere gerade erlebte. So hörte er zwar die Reden, aber kein Wort erreichte sein Herz. Keiner der beiden war zufrieden, denn keiner befand sich im Hier und Jetzt.

Selbstmord

Selbstmord

Es war einmal ein erfolgloser Handelsvertreter, welcher mit sich selbst, seinen Beziehungen und mit seinem Geschäft mehr als unzufrieden war. Sein Leben war verkorkst. Zeit abzutreten.

Ein Handelsvertreter war in einer äußerst misslichen Lage. In seinem Unternehmen hatte er einen großen Schuldenberg entstehen lassen. Der Umsatz ging zurück und er hatte keine Hoffnung, die Schulden demnächst abzahlen zu können. Er hatte Ärger mit seinen Angestellten. Viele Freunde hatten sich von ihm abgewandt. Seine Frau wollte sich scheiden lassen. Als er an diesem Abend über sein bisheriges Leben nachdachte, kam er zu dem Schluss, dass ist sinnlos geworden sei. Er solle Schluss machen. Am besten ist es, sich umzubringen. So entschied er. Am übernächsten Tag wollte er seine Entscheidung umsetzen. Nachdem er diesen Entschluss getroffen hatte, fühlte er sich plötzlich erleichtert. Er sah dem nächsten, also dem letzten Tag seines Lebens, mit großer Gelassenheit entgegen.

Als dieser letzte Tag anbrach empfand er eine große Gelöstheit. Er war froh über sein nahes Ende. Er musste sich über seine Zukunft keine Sorgen mehr machen. So nahm er sich vor, den Tag richtig zu genießen. Es begann mit einem sehr schönen Frühstück, das er in aller Ruhe zu sich nahm und sogar lobende Worte für seine Frau fand, die ihm alles angerichtet hatte. Er umarmte sie und verabschiedete sich. Dann machte er noch einen Umweg zu einigen Freunden, die er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Früher saßen sie häufig beisammen, hatten sich gut unterhalten und sich miteinander am Leben gefreut. Dazu hatte er in den letzten Jahren keine Zeit mehr gefunden. Vielleicht hatte er auch keine Lust gehabt. Nun konnte er sich plötzlich in aller Freiheit mit den Freunden unterhalten. Sie unterhielten sich sogar über einige Probleme und fanden auch Lösungsansätze. Anschließend machte er sich auf den Weg in sein Büro. Die Sonne schien, er fühlte sich wohlig warm. Sein Gesicht strahlte wohl eine gewisse Zufriedenheit aus. Die Menschen, die ihm begegneten bemerkten dies und lächelten zurück. Dieses Lächeln tat ihm sehr gut. In der Arbeit kümmerte er sich ganz besonders um seine Kunden. Er hatte Zeit für sie. Die Beratungsgespräche waren ohne alle Hektik. Er hatte keinen Zwang, irgendwelche Produkte zu verkaufen. So nahm er sich Zeit, seine Kunden ehrlich und ausführlich über die Produkte zu informieren. Das wirkte irgendwie ansteckend. Er war darüber glücklich und auch seine Kunden dankten ihm.

Als er am Abend seine Aufträge zusammenzählte, stellte er fest, dass der Umsatz gestiegen war und auch der verdiente Gewinn zugenommen hatte. Beschwingt ging er nach Hause. Dort empfing ihn seine Frau wie vor langer Zeit in seiner Ehe und servierte ihm sein Lieblingsgericht. Sie waren beide sehr aufmerksam für den anderen, unterhielten sich bestens und teilten Komplimente aus. In dieser Nacht erkannte er, dass es eigentlich keinen einzigen Grund für einen Selbstmord gab.

Er erkannte auch den Grund dafür. Er hatte seine Einstellung geändert. Das Leben hatte sofort reagiert und er vermerkte eine große Zufriedenheit. Daher beschloss er von diesem Tag an, jeden Tag so zu leben, als sei es sein letzter Tag, als gebe es keine drohende Zukunft. Er musste keinen Selbstmord verüben, sondern er kehrte wieder in das Leben zurück. Mit dieser Einstellung wurde er sehr glücklich.

Henne

Henne

Das ist eine ganz besondere Geschichte. Sie ist gemünzt auf unsere Gesellschaft. Vorgetragen wurde sie auf einer Aktionärsversammlung. Sie trug damals den Titel: „Warum wir an das System des freien Wettbewerbs glauben“.

Es war einmal eine kleine rote Henne, die auf dem Bauernhof scharrte, bis sie einige Weizenkörner fand. Sie rief Ihre Nachbarn und sagte: „Wenn wir diesen Weizen pflanzen, werden wir Brot zu essen haben. Wer will mir helfen, ihn anzubauen?“
„Ich nicht.“ Sagte die Kuh.
„Ich nicht.“ Sagte die Ente.
„Ich nicht.“ Sagte das Schwein.
„Ich nicht.“ Sagte die Gans.
Dann werde ich es tun, sagte die kleine rote Henne. Und sie tat es.

Der Weizen wuchs hoch, reifte und trug goldene Körner. „Wer will mir helfen, den Weizen zu ernten?“ Fragte die kleine rote Henne.
„Ich nicht.“ Sagte die Ente.
„Dafür bin ich nicht zuständig.“ Sagte das Schwein.
„Ich würde meinen Status verlieren.“ Sagte die Kuh.
„Ich würde meine Arbeitslosenunterstützung verlieren.“ Sagte die Gans.
„Dann werde ich es tun.“ Sagte die kleine rote Henne, und sie tat es.
Schließlich kam die Zeit, da das Brot gebacken werden sollte.
„Wer hilft mir beim Brotbacken?” Fragte die kleine rote Henne.
„Das hieße Überstunden für mich.“ Sagte die Kuh.
„Ich würde meine Sozialhilfe verlieren.“ Sagte die Ente.
„Ich habe zwei linke Hände und nie gelernt, wie man das macht.“ Sagte das Schwein.
„Wenn ich die einzige sein soll, die hilft, dann ist das diskriminierend.“ Murrte die Gans.
„Dann mache ich es.“ Sagte die kleine rote Henne.
Sie buk fünf Laib Brot und hielt sie hoch, um sie den anderen zu zeigen.
Jetzt wollten alle etwas davon abhaben; sie forderten sogar lauthals ihren Teil.
Aber die kleine rote Henne sagte: „Nein, ich kann die fünf Brote ebenso gut selbst essen.
„Unmäßiger Profit.“ Brüllte daraufhin die Kuh.
„Kapitalistischer Blutsauger.“ Schrie die Ente.
„Gleiches Recht für alle.“ Forderte die Gans.
Das Schwein grunzte nur. Und sie malten „Unfair“ auf Transparente, liefen um die kleine rote Henne herum und riefen Obszönitäten.
Als der Regierungsvertreter kam, sagte er zu der kleinen roten Henne: „Hör mal, du darfst nicht habgierig sein!“
„Aber ich habe mir das Brot doch selbst verdient.“ Erwiderte die kleine rote Henne.
Der Regierungsvertreter sagte: „Das ist das wunderbare System des freien Unternehmertums. Jeder auf dem Bauernhof kann so viel verdienen, wie er will. Aber unter unseren modernen Regierungsbestimmungen müssen die produktiv Tätigen ihr Produkt mit denen
teilen, die nicht arbeiten.“
Und sie lebten danach glücklich und zufrieden, auch die kleine rote Henne. Aber alle auf dem Hof wunderten sich, warum sie nie wieder Brot gebacken hat.

Spiegelsaal

Spiegelsaal

 

Diese Geschichte gibt es in vielen Variationen und wird in vielen Ländern erzählt. Die erste Geschichte stammt aus Spanien. Es geht um ein Herrschaftshaus, in dem sich ein großer Saal befindet. Dieser Saal ist ganz mit Spiegeln ausgestattet. Deshalb trägt er auch den Namen Spiegelsaal. In diesem Saal wurden viele Feste gefeiert. Alt und Jung, Frauen und Männer, Erwachsene und Kinder haben diesen Saal bereits erlebt.

 

Es gab in Indien den Tempel der tausend Spiegel. Er lag hoch oben auf einem Berg und sein Anblick war gewaltig. Eines Tages kam ein Hund und erklomm den Berg. Er stieg die Stufen des Tempels hinauf und betrat den Tempel der tausend Spiegel.
Als er in den Saal der tausend Spiegel kam, sah er tausend Hunde. Er bekam Angst, sträubte das Nackenfell, klemmte den Schwanz zwischen die Beine, knurrte furchtbar und fletschte die Zähne. Und tausend Hunde sträubten das Nackenfell, klemmten die Schwänze zwischen die Beine, knurrten furchtbar und fletschten die Zähne.
Voller Panik rannte der Hund aus dem Tempel und glaubte von nun an, dass die ganze Welt aus knurrenden, gefährlichen und bedrohlichen Hunden besteht.
Einige Zeit später erklomm ein anderer Hund den Berg. Auch er stieg die Stufen hinauf und betrat den Tempel der tausend Spiegel. Als er in den Saal mit den tausend Spiegeln kam, sah auch er tausend andere Hunde. Er aber freute sich. Er wedelte mit dem Schwanz, sprang fröhlich hin und her und forderte die Hunde zum Spielen auf.
Dieser Hund verließ den Tempel mit der Überzeugung, dass die ganze Welt aus netten, freundlichen Hunden besteht, die ihm wohlgesonnen sind.

Streit

Streit

 

Glück und Unglück liegen nahe beisammen. Es ist in uns Menschen wohl angelegt, dass wir dem Glück auf die Beine helfen wollen. Manchmal führt dies allerdings auch ins Unglück.

Der Löwe, der König der Savanne lag krank in seiner Höhle und mühte sich redlich, wieder auf die Beine zu kommen. Alle Tiere machten ihm ihre Aufwartung. Nur der Fuchs zögerte.
Das bemerkte der Wolf und er vermeinte, dem Fuchs, seinem Todfeind einen Streich zu spielen. Daher sprach der Wolf zum Löwen: „Der Fuchs ist ein nichtsnutziger Kerl. Er ist voller Stolz und Verachtung für andere. Du hast selbst gesehen, dass er dir keinen Krankenbesuch macht.“ Der Löwe vernahm die Worte, wurde zornig und sann darauf, dem Fuchs eine Lektion zu erteilen.

In dem Augenblick kam der Fuchs daher und vernahm noch den Schluss der Rede. Er erkannte, dass ihn der Wolf beim Löwen angeschwärzt hatte. Wie konnte er sich schützen? Dem Löwen war zuzutrauen, ihn mit einem Schlag zu vernichten.
Schlau und listig wie der Fuchs nun einmal ist, kam ihm auch gleich eine zündende Idee. Er bat den Löwen um Erlaubnis, vor seiner Bestrafung noch reden zu dürfen und sprach: „Mein lieber Löwe, es gibt wohl kein Tier, das mehr um das Leben unseres so großmütigen Königs besorgt ist als ich. Kaum hatte mich die Nachricht von eurer Krankheit erreicht, machte ich mich sofort daran, nach einem Mittel zu suchen, eure Gesundheit wieder herzustellen.“
„Sprich weiter.“ Entgegnete der interessierte Löwe.
„Dieses Mittel, welches euch baldmöglichst genesen lässt, habe ich jetzt vor einer Stunde gefunden und ich beeilte mich sofort, hierher zu kommen.“
Bei dieser Rede legte sich der Zorn des Löwen und er fragte schnell, was denn das für ein Mittel sei.
„Sofortige Genesung von all deinen Krankheiten erhältst du, wenn du deinen Bauch und deine Rippen in eine frisch abgezogene, noch warme Wolfshaut einhüllst.“
Der Fuchs hatte noch keine Sekunde ausgesprochen, machte sich der Löwe über den Wolf her und zog ihm bei lebendigem Leib die Haut ab. Der Fuchs war froh, durch diesen Einfall sein Leben gerettet zu haben. Aber vorsichtshalber machte auch er sich aus dem Staub.

Piranha

Piranha

 

Wir erwirbt man seine Lebenserfahrung? Und welche Konsequenzen hat dies? Diese Geschichte und ihre Varianten stammen aus dem Tierreich. Sie sind wahrscheinlich übertrieben, denn die Lebenserfahrung ist nicht statisch, sondern kann sich auch ändern.

Piranhas sind Raubfische. Sie lieben besonders Makrelen, zum Frühstück, zu Mittag und zum Abendessen.

Wissenschaftler haben ein Experiment gemacht. In ein Aquarium setzte man eine Piranha und eine Makrele. Das Ergebnis konnte man schnell beobachten. Wie nicht anders zu erwarten, fraß die Piranha die Makrele.

In einer zweiten Testphase unterteilte man das Aquarium mit einer Glaswand. Auf der einen Seite befand sich die Piranha, auf der anderen Seite, geschützt durch die Glaswand, die Makrele. Sofort schwamm die Piranha auf die Makrele zu und wollte sie fressen. Aber sie stieß unsanft gegen die Glaswand. Diese Erfahrung machte die Piranha nun viele Male. Sie machte die Erfahrung, dass sie die Makrele nicht fressen konnte. Schließlich gab die Piranha auf. Sie schwamm nicht mehr auf die Makrele zu, versuchte sie nicht mehr zu fressen, sie ignorierte sie.

In der dritten Testphase entfernte man die Scheibe. Die Piranha konnte die Makrele wieder fressen. Aber sie tat es nicht. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass sie die Makrele nicht fressen konnte und hatte dies verinnerlicht. Selbst als es wieder möglich gewesen wäre, die Makrele zu fressen, wollte sie nicht mehr. Die beiden Fische lebten friedlich miteinander.

Horizont

Horizont

 

Noch eine Geschichte aus der Tierwelt. Es geht darum, den Horizont zu erweitern und somit die Fesseln des Lebens abzustreifen.

Es war einmal ein Huhn, das auf einem eingezäunten Ackerland am Zaun entlanglief. Es hatte gesehen, dass auf der anderen Seite des Zauns eine große Menge Futter lag. Das Huhn war sehr hungrig und wollte sich gerne an diesem Futter laben. Der Hunger quälte es. Das Huhn war fast dem Verhungern nahe. Deshalb versuchte es alles Erdenkliche. Es probierte, über den Zaun zu fliegen. Aber der war zu hoch. Es suchte nach einer Lücke im Zaun. Aber der Zaun war fest geknüpft. Es gab keine Lücke. Das Huhn stieß mit aller Macht gegen den Zaun, um ihn zu lockern. Aber der Zaun gab nicht nach. Das Huhn nahm Anlauf und flog mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft gegen den Zaun. Es hatte keinen Sinn. Da kam Panik auf. Das Huhn raste hin und her und verausgabte sich. Schließlich fiel es tot um.

Dabei wäre es sehr einfach gewesen: Das Huhn hätte nur ein paar Meter am Zaun entlang gehen müssen. Denn dann hätte das Huhn entdeckt, dass der Zaun aufhört. Es hätte den Zaun umrunden können, um zum Futter zu gelangen. Aber soweit hatte es leider nicht gedacht.

 

Schnecke

Schnecke

 

Eine Tierfabel, die sich um die Tiere und den Menschen handelt.

Ein kleiner Junge wollte Gott treffen. Er packte Getränke und Schokoladenriegel in seinen Rucksack und machte sich auf den Weg. Er marschierte durch die Stadt bis er müde wurde. In einem Park sah er eine alte Frau, die auf einer Bank saß und den Tauben zuschaute. Der Junge setzte sich zu ihr und öffnete seinen Rucksack. Nun wollte er sich stärken. Als er eine Cola herausholen wollte, bemerkte er, dass die alte Frau ihn hungrig ansah. Er nahm einen Schokoriegel und gab ihn der Frau. Dankbar lächelte sie ihn an.

Der Junge war von diesem Lächeln begeistert und beglückt. Um dieses Lächeln noch einmal zu sehen, bot ihr der Junge auch eine Cola an. Sie nahm sie und lächelte wieder, noch strahlender als zuvor. So saßen die beiden den ganzen Nachmittag im Park.

Als es dunkel wurde, verabschiedete sich der Junge. Zu Hause fragte ihn seine Mutter: „Du siehst so fröhlich aus, was hast du denn heute Schönes gemacht?“ Der Junge antwortete: „Ich habe mit Gott Mittag gegessen – und sie hat ein wundervolles Lächeln!“

Auch die alte Frau war nach Hause gegangen, wo ihr Sohn sie fragte, warum sie so fröhlich aussehe. Sie antwortete: „Ich habe mit Gott Mittag gegessen – und er ist viel jünger, als ich dachte.“