Trump und Gott
Es ist unbestreitbar, dass Trump einen starken Eindruck hinterlässt – leider negativ. Besonders fasziniert mich das Spannungsverhältnis zwischen Trump und Gott. Der US-Präsident hat wiederholt erklärt, dass die Bibel sein Lieblingsbuch sei. Angesichts dieser Aussage stellt sich die Frage: Was ist mit den Zehn Geboten? Gelten sie auch für ihn? Schließlich steht da unter anderem: „Du sollst nicht lügen.“
Trump hat sich selbst zum Apostel der „America Prays“-Bewegung erhoben. Er behauptet, dass eine großartige Nation Religion benötigt, was auch das Gebet einschließt. Er fordert die Amerikaner auf, mindestens eine Stunde pro Woche gemeinsam zu beten. Doch wer betet mit wem? Mit einem Mann, für den die Bibel anscheinend vor allem ein Geschäft ist. Die Trump-Bibel verkauft sich gut. Schließlich wird sie billig in China hergestellt. Jetzt sind die Prerise gestiegen wegen der Zölle. Sie wird für 99,99 Dollar angeboten. Berichten zufolge hat Trump damit bereits 1,5 Millionen Dollar eingenommen.
Ein weiteres Zitat ist von ihm publiziert worden: „Wir lieben Gott und müssen alles verteidigen, was pro Gott ist.“ Doch was bedeutet „pro Gott“ genau? Auf die Frage nach seinem Lieblings-Vers aus der Bibel konnte Trump keine Antwort geben. Ich vermute, dass er eher das Alte Testament („Auge um Auge“) bevorzugt als das Neue Testament („Halte auch die andere Wange hin“).
Die USA sind reich an Kirchen; es gibt unzählige davon, was den Anschein erweckt, als seien die Amerikaner christlich. Schaltet man das Radio ein, stößt man schnell auf christliche Sender. Selbst im deutschen Bibel TV haben amerikanische Pastoren ein ständiges Rederecht, und die weiblichen Prediger sind die wahren Hardliner.
Allerdings sind es gerade die evangelikalen Trump-Anhänger, die gegen Einwanderer hetzen. Hier wird nicht mit Schimpfworten gespart. Vizepräsident J. D. Vance ist zum Katholizismus konvertiert und bekennt öffentlich, dass er Immigranten und Kriminelle aus seiner Nächstenliebe ausschließt. Ist das Teil des amerikanischen Katholizismus? Dagegen hat sogar der Papst protestiert.
Ich hatte schon immer Schwierigkeiten damit, wie man Aktivitäten wie „Pro Life“, also den Schutz des ungeborenen Lebens, mit der Todesstrafe in Einklang bringen kann. Für Trump-Anhänger scheint dies jedoch kein Problem zu sein.
Ich nehme an, dass im Verständnis von Vance Nächstenliebe auch das Festnehmen von Immigranten umfasst. Vermummte ICE-Agenten verhaften Immigranten auf den Erntefeldern und fesseln halb nackte Kinder mit Kabelbindern (wie in Chicago geschehen). Für Vance durchaus christliches Handeln. Man könnte dies als Kreuzzug verstehen in einem der christlichsten aller christlichen Länder.
Laut Umfragen geben 62 Prozent der Amerikaner an, Christen zu sein. Viele von ihnen wählten Trump, obwohl sie wussten, dass er wohl gegen alle zehn Gebote verstößt. Wie steht es mit den Geboten „Nicht lügen“, „Nicht stehlen“, „Nicht töten“? Das fünfte Gebot wird sicherlich nicht beachtet, wenn ein venezolanisches Boot ohne Beweise in die Luft gesprengt wird. Vielleicht sollte man dies nicht so eng sehen, denn auch frühere Präsidenten hielten sich nicht immer an die Gebote, sie äußerten sich nur nicht so unverblümt.
In Matthäus 5,44 heißt es: „Liebe deine Feinde.“ Trump hingegen sagt: „Ich hasse meine Gegner.“ In unflätiger Weise beschimpft er die Opposition als eine Partei des Hasses, der Sünde und des Satans. Vermutlich hält er die Bergpredigt für ein Immobilienprojekt in Florida und Blasphemie für eine sündige Massage.
Auf vielen Bildern tragen seine Anhänger große silberne Kreuze um den Hals, die allerdings nicht zur Vergebung gedacht sind, sondern eher der Rache dienen.
Der rechtsextreme Kriegsminister Pete Hegseth verbreitet Videos, in denen er Psalmen zitiert: „Ich jagte meinen Feinden nach, ich holte sie ein und kehrte nicht um, bis sie vernichtet waren.“ In seiner Bibelauslegung ist der Mann der Frau grundsätzlich überlegen. Der weiße Christ ist offenbar Gottes Liebling. Es ist kaum überraschend, dass sein Priester sogar vorschlägt, Frauen das Wahlrecht zu entziehen.
In Genesis 2,15 gibt Gott dem Menschen den Auftrag, den Garten Eden zu hüten. Trump hingegen bezeichnet die Klimakrise als „den größten Schwindel aller Zeiten“ und setzt lieber auf neue Ölbohrungen. Während Matthäus 23 zur Bescheidenheit aufruft, erklärt Trump: „Ich wurde von Gott gerettet, um Amerika großartig zu machen.“ Man könnte fast annehmen, dass Gott hier blind war.
Trump und seine Anhänger warnen vor dem Antichristen und diffamieren all jene, die ihnen widersprechen, als satanisch. In den USA verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Würde Jesus in Kalifornien auferstehen, würde die Trump-Kampagne ihn wahrscheinlich als radikalen linken Aktivisten betrachten. Trump sagt, er wolle in den Himmel kommen. Manche hoffen, dass dies bald erfolgt.
Natürlich ist Trump nicht der erste Politiker, der Gott für Wahlkampfzwecke missbraucht. Doch seine Regierung ist die erste, in der Minister artig zum Altar pilgern, nur um danach mit biblischer Brutalität Andersdenkende und Andersfarbige zu verfolgen.
Für viele Amerikaner ist die Situation ernst. Sie könnten vorzeitig sterben, Millionen verlieren ihre Krankenversicherung, und Trump hat Milliarden Dollar aus der Krebsforschung gestrichen. Der Gesundheitsminister will die Impfung abschaffen.
Vielleicht bleibt wirklich nur noch das Gebet – nicht für die Auserwählten, sondern für die Ausgeschlossenen. So wahr uns Gott helfe – oder wenigstens der gesunde Menschenverstand.
Doch wir sollten nicht so laut tönen. Vielleicht erleben wir solche Situationen auch bald in einem AfD-Deutschland. Gott bewahre.